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12.02.2018 1.FC-Magdeburg.de

"Es macht riesigen Spaß"

Interview mit Thomas Hoßmang (als Podcast-Episode 69 erschienen unter dem Titel: „Man sieht sich im Fußball immer zweimal“: http://www.nurderfcm.de/episode-69/)
Herr Hoßmang, wie kam es dazu, dass Sie in Magdeburg beim Nachwuchsleistungszentrum angeheuert haben?
Damals, 2014, gab es einen Anruf von Jens Härtel, ob ich mir vorstellen könnte, Trainer der U19 des 1. FC Magdeburg zu werden. Da habe ich gar nicht lange überlegt und direkt gesagt, dass ich das mache. Er sagte zwar, dass es nicht viel zu verdienen gebe, aber ich dachte mir: „Die Chance packe ich nun beim Schopf!“. Ich habe mich dann mit Carsten Müller, dem damaligen Nachwuchsleiter, getroffen. Wir kannten uns auch schon durch die Spiele der U23 gegen Budissa Bautzen. Zusammen legten wir hier unter nicht ganz einfachen Bedingungen los. Wenn man das jetzt vergleicht, dann haben wir uns schon ganz gut entwickelt.
Nachträgliche Gratulation zum tollen Pokalauftritt der U19. Wie ist das letzte Spiel im Wettbewerb aus Ihrer Sicht gelaufen?
Es ist ärgerlich, kurz vor Schluss einen fragwürdigen Elfmeter hinnehmen zu müssen. Aber ich denke mal, nicht nur mit dem Pokal, sondern auch mit der Hinrunde der U19 können wir mehr als zufrieden sein. Wir haben eine gute Ausgangsposition und auch im Pokal gezeigt, dass wir mit einigen Bundesligisten mithalten können. Die Art und Weise, wie wir dort aufgetreten sind, spricht für die Jungs. Und jetzt gilt es, positiv nach vorn zu schauen und alles daran zu setzen, dass wir unseren Platz in der Regionalliga verteidigen und vielleicht den großen Schritt „Bundesliga“ mit der U19 schaffen.
Wie steht es um die Zertifizierung des Nachwuchsleistungszentrums?
Diese läuft jetzt wieder an. Für die Saison 18/19 arbeiten wir an der Zertifizierung und sind gerade richtig akribisch dabei, Dinge auf den Weg zu bringen, die auch gefordert werden. Wir haben dafür Sören Osterland gewinnen können, der sich nur um dieses Thema kümmert und das federführend in die Hand nimmt, um einfach da auch Dinge vorzubereiten. Jetzt gilt es einfach, die Dinge abzuarbeiten, um vielleicht auch den Stern wieder zu bekommen. Vielleicht schaffen wir es, einen zweiten Stern zu bekommen, an dem eben durch den DFB auch viel Geld hängt. Diese Zuwendungen, die wir über das Jahr immer erhalten, tun uns beim NLZ eben ganz gut.

Leiter des Sparkassen-NLZ ist Thomas Hoßmang. Foto: Sportfotos-MD
Wird die Möglichkeit, sich online als Nachwuchsspieler zu bewerben, tatsächlich in Anspruch genommen?
Ja, das gibt es schon. Also eigentlich bewerben diese sich per Mail. Dann entscheiden wir, ob der Spieler interessant ist und holen uns Informationen von Beratern oder von Trainern ein. Am Ende muss der Spieler aber auch in unser Raster passen, was die individuellen Voraussetzungen betrifft. Dann werden sie meistens zum Probetraining eingeladen. Wir sehen sie dann zwei- bis dreimal im Training, vielleicht machen sie auch mal ein Testspiel mit und wenn es in die richtige Richtung geht, holen wir sie vielleicht nochmal dazu und treffen danach eine Entscheidung. So läuft das im Wesentlichen ab. 
Welche Qualitäten sollte man als junger Mensch mitbringen, um erfolgreich in der Jugend des 1. FC Magdeburg Fußball zu spielen?
Unser Ziel ist es, die Jungs ganzheitlich auszubilden. Das beinhaltet eine gewisse Persönlichkeit, Schulisches und natürlich das Fußballerische. Das sind die Elemente, nach denen wir auch in den Probetrainings schauen: „Wie gibt er sich?“ oder „Wie hat er sich bei anderen Vereinen gegeben?“ Er muss ein gewisses Niveau in der Schule haben, wir können hier niemanden verpflichten, der Vieren und Fünfen hat. Danach untersuchen wir fußballerische Dinge: „Hat er eine gewisse Geschwindigkeit?“oder: „Kann er mit dem Ball ordentlich umgehen?“ Im Vorfeld müssen eben auch die Berater und Scouts den entsprechenden Blick haben, wo die Informationen gesammelt werden, danach wird entschieden. Manchmal fallen auch Spieler durchs Raster, die sicherlich fußballerisch gut sind, wir sie aber aufgrund ihrer schlechten Noten gar nicht an das Gymnasium oder die Sekundarschule bekommen würden. Das hat u.a. mit dem Verband zu tun, der auch gewisse Bedingungen fordert. Manchmal ist es schon schwierig, Jungs zu bekommen, die in der Schule nicht so gut sind.
Sind die Strukturen beim FCM ausreichend gegeben, dass sich junge Nachwuchsspieler gut zurechtfinden und sich optimal entwickeln können?
Wir brauchen nur mal um die Ecke nach Braunschweig oder Wolfsburg zu gucken, die haben solche Möglichkeiten wie hier gar nicht. Das sind Zweitliga- oder Erstligaclubs, aber da fahren die Jungs manchmal auch eine Stunde vom Internat zum Trainingsplatz oder zur Schule. Mit 15 oder 16 muss man das auch erst mal verkraften. Hier haben die Spieler kurze Wege, alles kann zu Fuß erreicht werden. Wichtig ist auch, dass wir die Eltern immer wieder sensibilisieren und wir unsere Hausaufgaben machen, sodass diese sagen: „Okay, der Standort Magdeburg bleibt interessant, da haben wir unseren Jungen in der Nähe, hier wird gute Nachwuchsarbeit geleistet und die Profis machen jetzt vielleicht auch den nächsten Schritt“. Davon profitieren auch wir, das muss den Eltern immer bewusst sein, und nicht, dass das eigene Kind irgendwann beim FC Schalke oder Hoffenheim spielt. Ich bin selber Familienvater, meine Jungs waren in Cottbus, das war 40 Kilometer entfernt und ich war Co-Trainer. Dort hatte ich sie mit auf dem Schirm, aber alles andere sollte man sich immer genau überlegen.

Die Medienschulung ist auch ein Teil der Nachwuchsarbeit. Foto: Verein
Gibt es in diesem Alter auch schon eine Zusammenarbeit mit Psychologen?
Wir reden viel. Ich hatte vor Weihnachten mit unseren Top-Talenten und den Eltern Gespräche, in denen wir versuchen, Dinge zu besprechen und abzuchecken. Psychologen in dem Sinne haben wir in dem Bereich noch nicht. So weit sind wir hier in Magdeburg noch nicht, das ist auch ein Thema für die anstehende Zertifizierung. Ich bin sicherlich Trainer, ich bin Freund, ich bin Kumpel, ich bin vielleicht Vater, als Trainer muss man viele Facetten haben. Trotzdem gibt es gewisse Dinge, die aus dem privaten Umfeld des Spielers kommen, zum Beispiel, wenn die Eltern sich getrennt haben. Wie geht ein 16- oder 17-Jähriger damit um? Das kann man nicht alleine bewältigen. Da braucht man schon jemanden, der diese Ausbildung hat und die Dinge anders anpackt als im normalen Tagesgeschäft.
Wie schafft es unser NLZ, sich gegen die regionale Konkurrenz zu behaupten?
Wenn RB Leipzig, Wolfsburg oder Braunschweig jemanden haben will, dann machen sie das. Dann packen sie Geld an. Im vorigen Jahr wollten diese den Spieler Nils Schätzle von uns. Das war ein wichtiger Spieler, er hatte einen laufenden Vertrag und die Vereine waren bereit, die Summe, welche im Raum stand, zu bezahlen. Aber mittlerweile sind wir gut aufgestellt. Es gibt halt 1a-Spieler und 1b-Spieler. Und dann gibt es Wolfsburg, Braunschweig oder Hertha BSC, zu denen wir durch die NLZ-Leitung gute Verbindungen haben, da wir uns regelmäßig treffen. Wenn bei Hertha gesagt wird, dass da jemand hinten runterfällt, sind wir durchaus interessiert. Jetzt haben wir die Chance, vielleicht auch mit der ersten Mannschaft oder mit unserer Zertifizierung, weitere Bedingungen zu schaffen. Auch mit den Möglichkeiten, jungen Spielern eine Fördervertragsvereinbarung zukommen zu lassen, wird das schwieriger für die großen Vereine, dafür richtig Geld anzupacken. Wenn so ein großer Verein ruft und die Eltern diesen Schritt mitmachen wollen, dann wird das trotzdem passieren. Aber das ist im Fußball eben Gang und Gebe, ich sage immer: „Man sieht sich immer zweimal im Fußball“. Wir lassen jetzt wieder einen U15-Torhüter, den wir vorheriges Jahr von RB geholt haben, zu einem Probetraining fahren. Der soll sich das angucken und dann müssen die das abwägen. Die sollen sich einfach umschauen und das dortige Umfeld kennenlernen. Am Ende kommen viele zurück, weil man sie hier gut behandelt hat. Dann gibt es eben eine zweite oder dritte Möglichkeit oder er muss bei anderen, kleinen Vereinen, wo auch Top-Talente sind, zugreifen. Das ist halt so im Fußball.
Wie ist der Austausch mit den Profis, werden schon Mechanismen in der Jugend trainiert, die die Jungs, wenn sie in den Herrenbereich aufrücken, eventuell wiedersehen?
Die Kombination ist eigentlich überragend. Ich habe ja gesagt, ich bin durch Jens Härtel hier her gekommen, ich habe mit Ronny Thielemann gespielt bzw. gegen ihn. Silvio Bankert war schon in Cottbus mein Spieler; mit ihm bin ich damals in die U19-Bundesliga aufgestiegen und im letzten Jahr war er noch mein Co-Trainer. Von daher haben wir eine gute Kommunikation und einen guten Austausch. Die U19 und U17 haben viele Dinge mit in die Abläufe eingebracht, die Jens Härtel macht. Im Zuge der Zertifizierung wollen wir nun noch weitere Dinge runterbrechen und festzurren, die die Profis betreffen. Dabei geht es nicht um Systeme, sondern um das Aktivsein, ordentliches Gegenpressing, Tempo sowie immer zu versuchen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wie die Profis es auch machen. Es gibt schon Dinge, die wir eins zu eins übernommen haben. Auch im Leistungsbereich machen wir schon viele Dinge, die die Profis eben auch runterspielen. Ich glaube, umso einfacher haben es die Jungs, die den Weg zu den Profis schaffen. Die kennen dann Abläufe, müssen fit sein, eine gewisse Mentalität haben und eine gute Einstellung mitbringen. Ich denke, das sind die Grundsachen, die für den Magdeburger Fußball stehen.
Wann startet das die Identifikation von potentiellen Top-Talenten?
Es gibt eine Vereinbarung unter den NLZ, das geht aber erst ab der U15. Ab diesem Zeitpunkt kann man die Jungs mit Förderverträgen ausstatten und wir sagen, wer eine Perspektive hat. Selbst dann wissen wir immer noch nicht, ob er es dann in die U17, die U19 oder zu den Profis schafft. Die Jungs werden heutzutage mit so vielen Dingen konfrontiert, da braucht man einen sehr, sehr starken Charakter, ein gutes Umfeld, eine Monster-Einstellung und man darf nicht nach rechts und links gucken. Derjenige, der das schafft, ist nicht das größte Talent, sondern einfach der, der am fleißigsten ist und eben mehr tut, als er tun muss. Das sind Dinge, die wir als Trainer immer wieder einfordern. Ich vergleiche das immer mit unserer U19, wie schwierig das manchmal ist. Es kommt eine Freundin dazu, dann haben sie ihr Auto, dann haben sie Schule, dann müssen sie das Abitur schreiben. Dafür brauchen sie einen ganz strukturierten Tagesablauf und müssen dabei einen absoluten Charakter haben. Wenn sie das haben, werden sie Profis. Es schafft auch nicht jeder U-Nationalspieler die U15, U16, U17, U19, da müssen Sie mal in die Statistiken gucken, wer das dann schafft. Die werden schon zu früh mit Geld konfrontiert und mussten nie Widerstände durchbrechen. Man muss eben immer wieder bereit sein, Widerstände zu durchbrechen und das versuchen wir unseren Jungs zu sagen.
Wie ist dabei die Zusammenarbeit mit den lokalen Vereinen, wenn beispielsweise Talente bei ihnen entdeckt werden?
Wichtig ist eine gute und offene Kommunikation mit den Verantwortlichen, damit man diese mit im Boot hat. Am Ende geht es um den Jungen, den wir zu uns holen, dass er zwei oder dreimal öfter Training erhält und am Vormittag gefördert wird. Ich glaube, wenn man das sauber und ehrlich löst, sind die kleinen Vereine überhaupt nicht dagegen. Es ist das wichtigste, dass offen und ehrlich kommuniziert wird. Manchmal geht es auch in die andere Richtung. In einem Fall mit dem MSV Börde haben wir klar besprochen: „Wir gucken mal, wie das Jahr läuft und wenn er sich so entwickelt, wie wir uns das erhoffen, in dem Fall Marvin Temp, dann kommt er wieder zu uns.“ Das wurde im Vorfeld eben sauber und ordentlich kommuniziert. Es ist ebenfalls wichtig, dass wir in der Stadt nicht denken: „Wir sind der 1. FC Magdeburg, wir sind etwas Besonderes“. Wir sollten immer schön demütig sein und ganz eng mit diesen Vereinen umgehen. Ich denke gerade an den Pape-Cup, da spielen eben auch Stendal und der Burger BC vor großer Kulisse. Ich denke, es sollte uns immer auszeichnen, dass wir einen guten und respektvollen Umgang auch mit den kleineren Vereinen haben. Da sind wir auf einem guten Weg. 
Gibt es ab und zu Probleme mit Eltern, welche sich zu sehr in die sportliche Entwicklung ihrer Kinder einmischen?
Es ist wichtig, dass auch die Eltern Vertrauen in unsere Trainer und unsere Arbeit haben. Die Eltern sind gerade im unteren Bereich von der U8 bis zur U12 ganz wichtig. Die muss man einfach mit ins Boot bekommen. Beispielsweise ist die Fahrerei zu Hallenturnieren oder manchen Spielen schon wichtig. Regelmäßig werden auch Elternabende und Feedbackgespräche veranstaltet. Klar kommt es vor, dass einige Eltern nicht ganz so zufrieden mit der Einschätzung ihres Sprösslings sind. Trotzdem brauchen wir die Eltern, gerade im U-Bereich. In der U19 ist es dann so, dass ich das einfach mit den Jungs alleine kläre. Wenn sie ein Problem haben, dann sollen sie zu mir kommen und ich bespreche das mit den Jungs persönlich, da ist dann kein Elternteil mehr dabei. Aber unten ist das, denke ich, schon wichtig, gerade in Sachen Nachhilfe.  Beispielsweise haben wir ein Top-Talent in der U14 und mussten mit den Eltern sprechen, wie wir es jetzt gemeinsam angehen, denn sie sind am Ende die wichtigsten Bezugspersonen für den Spieler.
Wie kann man die Nachwuchsarbeit als Clubfan aktiv unterstützen?
Es gibt immer Betreuer, die wir suchen. Wir haben dieses Jahr wieder einen Fahrdienst für die Jungs installiert, die nicht im Sportinternat, im Gymnasium oder in der Sekundarschule sind sowie für die Auswärtigen. Das ist immer so ein Punkt, wo man richtig aktiv werden kann. Manchmal brauchen wir einen Fahrer am Wochenende, weil jemand erkrankt ist oder ausfällt. Da gibt es viele Möglichkeiten, uns zu unterstützen. Beispielsweise die Fanszene, Block U, ist immer bereit, etwas zu machen. Das erwähne ich auch gerne: die unterstützen uns sehr fleißig und arbeiten immer an Möglichkeiten, etwas zu tun, das ist schon überragend. Es macht riesigen Spaß, in diesem Umfeld zu arbeiten. Ich bin auch dankbar, hier sein zu dürfen und diesen Weg im Nachwuchs in diesem Verein mitgehen zu können und hoffe, wir stellen noch vieles auf die Beine. Es gibt noch viele Dinge anzupacken.