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05.12.2018 Volksstimme

Beim FCM spricht der Ex-Kapitän

Für Nils Butzen hat sich beim FCM viel verändert. Der 25-Jährige spricht über seine Situation, plötzlich auf der Bank zu sitzen.

Magdeburg l Unter dem neuen FCM-Trainer Michael Oenning musste Nils Butzen auch die Kapitänsbinde abgeben. Zuvor war er bei Vorgänger Jens Härtel als Stammspieler gesetzt. Wie er damit umgeht, erzählt Butzen im Interview mit der Volksstimme.

Volksstimme: Herr Butzen, in Fürth und gegen Bochum mussten Sie erstmals in dieser Saison auf die Bank. Das letzte Mal haben Sie im September 2014 zweimal in Folge auf der Bank gesessen. Wie sehen Sie die neue Situation?

Nils Butzen: Es ist ja nicht ganz unüblich, dass ein neuer Trainer etwas verändert. Sicherlich war es nicht schön für mich, so richtig sauer war ich allerdings nicht.

Warum?

Als ich Stammspieler war, habe ich schon immer einen Tag vor den Partien angefangen, darüber nachzudenken und eine positive Anspannung zu entwickeln. Das ist jetzt anders. Ich wusste schon relativ zeitig vor den Spielen, dass ich auf die Bank musste. Ich habe seitdem weniger Gedanken im Kopf. Es war angenehm, das mal zu erleben. Der Druck ist nicht mehr so hoch, als wenn ich von Anfang an spiele. Ich würde dieses Gefühl aber natürlich trotzdem gerne gegen einen Stammplatz eintauschen.

Wie ist es für Sie, die Spiele auf der Bank zu erleben?

Ich bin ein schlechter Zuschauer, weil ich viel nervöser bin, als wenn ich auf dem Rasen stehe. Ich feuere meine Mitspieler trotzdem an. Das habe ich als Stammspieler wahrgenommen und das will ich jetzt auch den Jungs zurückgeben. Es ist für mich eine makabere Zwickmühle: Ich würde natürlich gerne auf dem Platz stehen, kann aber gerade nur in die Mannschaft kommen, wenn es nicht gut laufen würde. Ich kann aber damit leben, wenn der Trainer einen anderen Spieler besser sieht und wir gewinnen. Außerdem zeigt Marius Bülter auf meiner Position gute Leistungen.

Bisher saßen Sie nur zwei Spiele auf der Bank. Wann werden Sie ungeduldig?

Momentan ist es noch nicht so extrem, das stimmt. Wenn das länger so gehen sollte, würde sich die Situation natürlich ändern. Ich weiß, was ich kann, und bin von meiner Qualität überzeugt. Irgendwann werde ich auch wieder spielen. Ich muss den Trainer jetzt im Training davon überzeugen, dass ich in die Startelf gehöre.

Kurz vor dem Fürth-Spiel gab der neue Trainer Michael Oenning bekannt, dass Sie nicht mehr Kapitän sind. Christian Beck hat die Binde bekommen. Wann haben Sie von dieser Entscheidung erfahren?

Der Trainer bat mich einige Tage vor dem Spiel in sein Büro. Dann sagte er mir, dass er glaubt, dass die Kapitänsbinde für mich momentan zu belastend ist. Für mich sei wichtig, dass ich mich nur auf Fußball konzentrieren kann. Er meinte, dass es besser für mich sei, erst mal in das zweite Glied zurückzurücken. Ich habe das akzeptiert, kann die Gründe auch nachvollziehen. Ich führe jetzt nicht mehr so viele Gespräche mit dem Trainer, mit den Vereinsoberen, mit der Mannschaft.

Fehlt Ihnen das Kapitänsamt?

Es kam alles zusammen. Ein langjähriger Trainer wurde entlassen, ich habe meinen Stammplatz und die Kapitänsbinde verloren. Ich wäre gerne Kapitän geblieben, weil ich glaube, dass ich es gut gemacht habe – ganz unabhängig von der sportlichen Leistung.

Haben Sie an sich gezweifelt?

In den ersten Momenten nach der Entscheidung habe ich darüber nachgedacht, was ich falsch gemacht habe, was ich hätte anders machen können. Es war für mich eine Niederlage. Es ist nie schön, als Kapitän abgesetzt zu werden. In der Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, dass ich ein gescheiterter Kapitän bin.

Wie gehen Sie mit diesem Eindruck um?

Ich bin ganz klar der Meinung: Ich bin kein gescheiterter Kapitän. Ich habe alle Entscheidungen aus voller Überzeugung getroffen. Meine Aufgaben als Kapitän habe ich auch in schwierigen Tagen gut gemeistert. Das waren teilweise Momente, in denen ich keinem gewünscht hätte, an meiner Stelle zu sein. Ich habe aber gelernt, klare Entscheidungen zu treffen und klar Stellung zu beziehen.

Wie tauschen Sie sich mit Ihrem Nachfolger Christian Beck aus?

Ich stehe ihm zur Seite, wie er mir zuvor zur Seite stand. Es ist aber schon etwas anderes, erster oder zweiter Kapitän zu sein. Er ist jetzt auf und vor allem neben dem Platz gefordert. Er ist immer der erste Ansprechpartner. Man unterschätzt schnell, wie viel das ist. Ich hoffe, dass er eine bessere Zeit als ich erwischt. Dann kommen auch weniger unangenehme Fragen.

Trainer Michael Oenning sprach von Ihnen als „Kapitän der Zukunft“. Was haben Sie nach dieser Aussage gedacht?

Er wollte klarmachen, dass ich weiterhin wichtig bin und als Kapitän nicht schlecht war. Ich bin ja auch noch Stellvertreter von Christian Beck. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Öffentlichkeit in Zukunft, wenn ich vielleicht wieder Kapitän werden könnte, unvoreingenommen an die Sache herangeht. Es wird wahrscheinlich immer wieder die aktuelle Absetzung hervorgeholt. Wenn der Respekt der Öffentlichkeit nicht da ist, macht das die Sache nicht leichter.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Michael Oenning?

Das muss ich mal klarstellen: Ich habe ein Super-Verhältnis zu ihm. Wenn man nur die aktuellen Fakten sieht, könnte man denken, dass mich der Trainer nicht mag. Das ist aber überhaupt nicht so. Er kam nach dem Bochum-Spiel direkt zu mir, hat mich kurz gedrückt. Ich merke durch solche kleinen Gesten, dass er weiß, dass ich da bin. Er lässt mich nicht links liegen. Ich versuche, die Dinge umzusetzen, die er anders macht und verlangt. Wenn ich das nicht machen würde, würde das ja bedeuten, dass ich seine Entscheidungen persönlich nehme. Es wäre ein großer Fehler, im Profifußball etwas persönlich zu nehmen.

Der Übergang von Jens Härtel zu Michael Oenning erfolgte innerhalb weniger Stunden. Wie haben Sie den Abschied von Härtel erlebt?

Es war schwer zu realisieren, dass mit der Trainerentlassung eine zuvor erfolgreiche Zeit so plötzlich vorbei ist. Es war aller Ehren wert, dass sich Jens Härtel nach der Entlassung noch mal vor die Mannschaft gestellt hat. Er konnte erhobenen Hauptes gehen, er hat sich beim FCM ein kleines Denkmal gebaut. Es war ein schöner Abschluss nach einer blöden Situation. Er hat uns gesagt, dass wir uns auf den neuen Trainer voll einlassen sollen. Das fand ich stark. Ich habe ihn danach auch noch mal angerufen und mich bei ihm bedankt – für das Vertrauen, für die ehrliche Zusammenarbeit.

In den letzten Wochen unter Härtel standen Sie stark in der Kritik. Haben Sie sich ungerecht behandelt gefühlt?

Viele Leute denken ja, dass mich Härtel aus Sympathie aufgestellt hatte. Sie vergessen aber, dass ich in den ersten Wochen unter ihm im Training immer wieder meinen Namen gehört habe, weil er mich kritisiert hatte. Ich habe mich auch bei ihm langsam in die Mannschaft gekämpft. Ich bin der Überzeugung, dass ich in keinem Spiel zu Unrecht auf dem Platz stand. Ich hatte bei ihm sicherlich keinen Freifahrtschein.

Wie haben Sie denn Ihre Leistungen in dieser Saison gesehen?

Ich kann meine Leistungen schon einschätzen. Wenn ich nicht gut war, sitze ich bestimmt nicht jubelnd zu Hause. Wenn es aber nicht so schlecht war, dann muss ich auch realistisch beurteilt werden. In der Öffentlichkeit war das leider nicht so. Das ging häufig unter die Gürtellinie. Diese Erfahrungen haben mich abgehärtet. Ohne die Kapitänsbinde löschen die Leute mich jetzt vielleicht mal aus ihrem Kopf. Ich hoffe, dass ich mich in den kommenden Wochen und Monaten in Ruhe auf Fußball konzentrieren kann.