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30.01.2019 NurderFCM.de

Joker

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FC Ingolstadt – 1. FC Magdeburg, 20. Spieltag, 0:1 (0:0)

Seien wir ehrlich: für emotionale Eskalationen wie die in Ingolstadt tun wir uns den ganzen Blödsinn doch immer wieder an. Was für ein Spiel! Was für ein wirklich überhaupt so gar nicht gutes Spiel! Und was für ein Ende: Mannschaft und Kurve, vereint im völlig euphorischen Einklatschen nach einem Sieg, den mindestens mal 70 Minuten lang wohl nur wirklich kühne Optimisten für möglich gehalten hätten. Philip Türpitz war es, der das goldene Tor erzielte und Michael Oenning war es, der mit seinen Einwechslungen ein goldenes Händchen bewies. Zweiter Sieg in Folge, zum zweiten Mal zu null, wieder gestochen, wieder standgehalten – noch vor wenigen Monaten wäre eine solche Bilanz sicherlich nur schwer vorstellbar gewesen. Umso schöner ist es jetzt, den Moment zu genießen. Der FCM ist wieder da! Oder angekommen. Vielleicht. Hoffentlich.

Gegenüber dem Erfolg gegen Aue setzte der Trainer auf eine klitzekleine Rotation und bot vor Giorgi Loria im Tor diesmal Michel Niemeyer anstelle von Timo Perthel auf der linken Verteidigerposition auf. Auch rechts gab es eine Veränderung, Marcel Costly nahm hier die Position von Marius Bülter ein; die Innenverteidigung blieb mit Tobias Müller und Dennis Erdmann unverändert. Wenn man die gewählte Grundordnung bei eigenem Ballbesitz als 4-3-3 verstehen will, besetzten Jan Kirchhoff, Rico Preißinger und Charles Elie Laprevotte das Mittelfeld, während Steven Lewerenz (für Philip Türpitz im Team und auf der Ingolstädter Anzeigetafel konsequent als “Sven Lewerenz” ausgewiesen), Christian Beck und Felix Lohkemper den offensiven Part gaben.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Was die erste Hälfte betrifft, so konnte man zumindest aus der Stadionperspektive nur zur der Einschätzung gelangen, dass das insgesamt sehr, sehr dünn war, und zwar von beiden Teams. Allerdings hatte, auch das muss man dazu sagen, Ingolstadt deutlich mehr vom Spiel, was ja auch die Zahlen auf whoscored.com belegen. Gut für uns aber, dass viel Ballbesitz und eine deutlich bessere Passquote eben nicht automatisch zu einem guten Ergebnis führen. Was den 1. FC Magdeburg betrifft, sei in dem Zusammenhang an den Auftritt beim FC St. Pauli erinnert.

Mit einer Kopfball-Halbchance in der vierten Minute eröffneten die Hausherren jedenfalls dieses für beide Mannschaften ungemein wichtige Duell. Die Flanke kam von der eigenen rechten Seite, der Ball wurde im Endeffekt aber nicht gefährlich. In der 10. Minute traten dann die Größten der Welt mal zaghaft auf den Plan, als Loria auf Steven Lewerenz abschlug, der die linke Seite entlang marschierte und eine Flanke in die Mitte brachte. Dort fand sie allerdings keinen Abnehmer, dafür bot sich Ingolstadt nun eine Konterchance. In deren Verlauf landete der Ball in aussichtsreicher Position links bei Sonny Kittel, der glücklicherweise aber im Abseits stand.

In Spielminute 12 dann die erste Riesengelegenheit, nur leider eben auf der falschen, nämlich der Heimseite: Erneut über rechts (und damit unsere linke Defensivflanke) konnte Ingolstadt sich in den Strafraum spielen und wurde der Ball auf den völlig blank stehenden Christian Träsch quer gelegt. Es gab sicher nicht Wenige, die es da schon haben einschlagen sehen. Träsch aber schob den Ball dankenswerter Weise am linken Pfosten vorbei. Wie er die Kugel da nicht aufs Tor bringen konnte, bleibt auch in der drölften Wiederholung schleierhaft – was dem ordentlich gefüllten Gästeblock natürlich komplett egal sein konnte.

Im weiteren Verlauf erlebten die mitgereisten Clubfans einen FCM, der viel zu passiv wirkte, besonders hinten links anfällig war, dort auch fleißig bespielt wurde und insgesamt offensiv nur sehr, sehr wenig auf den Rasen brachte. Zwar landete der Ball in der 13. Minute im Netz (so genau war das hinter dem Tor auf der anderen Seite und einer mittelgroßen Schwenkfahne nicht zu sehen), allerdings stand Felix Lohkemper wohl im Abseits. In Minute 20 war dann mal eine Umschaltsituation über eben jenen Lohkemper zu verzeichnen, die zu einer Ecke führte und in deren Folge man in Ballbesitz blieb, mehr als einen Hauch von Gefahr konnte der Club allerdings nicht ausstrahlen.

Ingolstadt aber eben auch nicht, wenngleich Loria in der 33. Minute noch einmal eingreifen musste und einen Chip von links nach gutem Ingolstädter Steckpass in Richtung Grundlinie im Nachfassen unschädlich machen konnte. Ein, zwei zaghafte Konter und den einen oder anderen Freistoß später war Halbzeit und der entsprechende Pfiff von Schiedsrichter Christof Günsch die wohl erlösendste Aktion der ersten 45 Minuten.

Die Joker stechen

Durchgang 2 begann aufseiten der Gäste mit einem Wechsel: Björn Rother kam für Jan Kirchhoff in die Partie, der im Verlauf des ersten Durchgangs und während einer Behandlungspause für Keeper Loria auf seine Leiste gezeigt hatte. “Eine Vorsichtsmaßnahme” nannte Michael Oenning den Wechsel später; hoffen wir, dass sie ihren Zweck erfüllt hat und Kirchhoff nicht irgendwie länger ausfällt.

Ansonsten bot sich den 8.216 Zuschauern (so jedenfalls die Durchsage im Stadion, MDR und kicker schreiben unisono von 7.500 Menschen) im Prinzip das gleiche Bild wie im ersten Durchgang. Bis zur 54. Minute hatte Ingolstadt mehr Aktionen in Strafraumnähe, während der Club bis dahin noch gar nicht vor dem Tor der Hausherren aufgetaucht war. 57 Minuten waren gespielt, als Sonny Kittel vor der Heimkurve die Chance zur Führung auf dem Fuß hatte, sich am Elfmeterpunkt geschickt freizocken konnte, ihm aber einige eilig in den Weg geworfene Magdeburger Körper den Abschluss verunmöglichten. Puh. Nach dem bisherigen Spielverlauf dürfte einigermaßen klar gewesen sein, dass es nach einer Ingolstädter Führung ganz schwer geworden wäre, noch etwa Zählbares aus dem Audi-Sportpark mitzunehmen.

Es blieb aber beim 0:0, wenngleich der FCI nun seine möglicherweise stärkste Phase im Spiel hatte. Die Hausherren drückten, der Club kam zu keinerlei Entlastung und fand überhaupt nicht mehr in offensive Abläufe. Stattdessen konnte Ingolstadt auf beiden Flügeln im Prinzip machen, was es wollte, war aber nicht in der Lage, sich wirklich etwas Zwingendes zu erspielen. Interessant zu beobachten war in dieser Phase auch, wie Michael Oenning an der Seitenlinie seine Mannschaft immer wieder animierte, bloß nicht so tief zu stehen und sich hinten reindrücken zu lassen.

In Spielminute 59 reagierte der Trainer dann und brachte Marius Bülter für den eher glücklosen Steven Lewerenz. Man mag das im Nachhinein verklären, aber im Stadion hatte man schon den Eindruck, dass dieser Wechsel sofort etwas veränderte, was aber vermutlich eher für Bülter als gegen Lewerenz spricht. Es ist schon beeindruckend, mit welcher Energie und welchem Spielwitz Marius Bülter agiert und es ist fast schon schade, dass Fußballer eben keine Maschinen sind und jeder Spieler auch mal Pausen braucht. Bülter muss nämlich eigentlich immer spielen. So.

Jedenfalls wurde die Partie nun etwas munterer. In der 62. Minute muss Ingolstadt eigentlich zum zweiten oder dritten Mal zwingend in Führung gehen, allerdings köpfte Tobias Schröck aus kurzer Distanz und völlig frei direkt in die Arme von Loria. Fast direkt im Gegenzug dann die erste, richtig gute Gelegenheit für die Größten der Welt: Christian Beck, dessen Laufleistung man inzwischen eigentlich nicht mehr gesondert erwähnen muss, konnte sich den Ball links erlaufen und Michel Niemeyer mitnehmen. Der flankte von der Grundlinie und fand Charles Elie Laprevotte auf der rechten Seite. Einfach mal direkt abgezogen, wurde der Schuss von der Ingolstädter Abwehr noch vor der Linie geklärt.

Auf zwei weitere Ingolstädter Möglichkeiten (65. und 70.) folgte dann mal wieder ein gefälliger Magdeburger Spielzug: Rother und Preißinger kombinierten sich sehenswert bis vor den Strafraum, wo sich für den Letztgenannten dann eine kleine Lücke auftat. Begleitet von “Schieß! Schieß!”-Rufen aus dem Gästeblock versuchte sich Preißinger an einem Abschluss, brachte aber leider nicht genug Druck hinter den Ball. Kein Problem für Tschauner.

Noch in derselben Minute zog Michael Oenning seinen letzten Joker und brachte Philip Türpitz für Felix Lohkemper. Naja, und Türpitz muß schon auf der Bank Furchen im Rasen hinterlassen haben, so heiß war der auf seinen Einsatz. Die knapp 20 Minuten, die er insgesamt auf dem Platz stand, gehörten jedenfalls mit zu seinen besten in dieser Saison. Erst spielte er den Ball in Minute 75 mit etwas Glück auf Marius Bülter, der von links in den Strafraum marschieren und dort eine Ecke herausholen konnte, die – wie fast immer – wirkungslos verpuffte. Dann gewann “Torpedo” den Ball in der 78. Minute im Mittelfeld und passte schließlich von rechts scharf in die Mitte, wo aber sowohl Bülter als auch Beck knapp verpassten. Mann!

Schließlich dann die 81. Minute: Erneut ist es Türpitz, der den Ball am Mittelkreis gewinnt. Dort passt er auf Beck und orientiert sich sofort nach vorn. Der Kapitän beweist sowohl Ballsicherheit als auch ein hervorragendes Auge und streckt an der Strafraumkante erneut auf Türpitz durch. Der hat etwas Glück, dass der insgesamt bockstarke Mergim Mavraj ihm den Ball nicht noch vom Fuß spitzelt und schiebt die Kugel aus spitzem Winkel durch die Hosenträger von Philipp Tschauner in die Maschen. Jawoll!! Ungläubigem Staunen folgte die Explosion im Block. War schon irgendwie witzig, was für eine Verzögerung es da gab, aber ganz ehrlich: so richtig wirklich in der Luft gelegen hatte dieser Treffer nun mal nicht. Und da Ingolstadt bis dato offensiv noch nicht wirklich viel gebacken bekommen hatte, standen die Chancen richtig gut, das Ding hier jetzt über die Zeit zu bringen. Sollte das wirklich passieren?

Es sollte. Und der Club musste es natürlich hinten raus noch einmal ordentlich spannend machen. Erst verpasste Beck, das Schlitzohr, in der 87. Minute die Entscheidung, als er den Ball erst gut rechts im Strafraum behaupten konnte und ihn dann clever links um den Pfosten zu wickeln versuchte. Nur knapp rollte das Spielgerät am Gestänge vorbei. In der 90. Minute war es dann Giorgi Loria, der für erhöhten Puls sorgte: Im Duell mit einem Ingolstädter Angreifer an der Grundlinie verschätzte er sich, sodass das Tor kurzzeitig leer, der FCI aber weiter in Ballbesitz war. Mit viel Glück ging der Ball aber eben nicht rein – in der Hinrunde hätte so eine Aktion vermutlich gleich zwei Tore gebracht. Und eine rote Karte. Oder so.

Jedenfalls war es nun wieder einmal so, dass ich nur noch Salzsäule spielen konnte, während um mich herum der Block kochte. In der gefühlt hundertsten Minute der Nachspielzeit gab es noch einmal einen Freistoß für die Hausherren. Tschauner war mit vorn, in seine Richtung kam auch der Ball. Abgewehrt. Ecke. Mein Blick heftete sich nun lieber auf die Zaunfahnen hinter dem Tor als auf das Geschehen an der Eckfahne. “Wir kuscheln weiter” und “Audi-Fanclub FCI” (in Audi-Corporate-Design-Buchstaben!) war da zu lesen. Und “Sitzschalenultras”. Knuffig. Tja, und dann war Schluss. Einfach so. Ohne Gegentor. “Auswärtssieg! Auswärtssieg!” brach es heraus, “Ganz Deutschland steht in Deinem Schatten, FCM!” ebenso. Das Ding war gezogen. Und es war so, so wichtig.

Fazit:

Wer solche Spiele gewinnt… den Rest des Satzes darf an dieser Stelle jeder selbst ergänzen. Mit 6 Punkten haben wir in den ersten zwei Pflichtspielen 2019 schon mehr als die Hälfte der Punkte geholt, die in den ersten 18 Partien vor der Pause auf der Habenseite standen. Wenn das so weitergeht – uiuiui. Dann werden sich Köln, Hamburg und Co. noch gewaltig warm anziehen können….

…was natürlich Quatsch ist. Eine schöne Momentaufnahme bleiben die derzeitigen Erfolge aber, wie gesagt, allemal. Großartig, dass wir offenbar die Mentalität haben, solche, ‘tschuldigung, Drecksspiele auch mal zu ziehen. Großartig auch, dass diesmal vier Torschüsse ausreichten, um den entscheidenden Treffer zu erzielen. Natürlich waren viele Dinge auch nicht so großartig, aber das wird das Trainerteam mit der Mannschaft schon umfänglich auswerten und entsprechend aufarbeiten. Und am 10.2., da geht’s dann weiter, wenn Holstein Kiel nach Magdeburg kommt. Und wer weiß, vielleicht – hoffentlich – findet unsere kleine Serie ja dann im HKS seine Fortsetzung.

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