1. FC Magdeburg WebApp v2.0
08.05.2020 Volksstimme

FCM-Traditionstreffen fällt diesmal aus

Die Europapokalhelden des 1. FC Magdeburg von 1974 hatten sich so auf ein Wiedersehen gefreut. Doch daraus wird diesmal nichts.

Magdeburg l Es war alles angerichtet für das jährliche Traditionstreffen der Europapokalsieger des 1. FC Magdeburg von 1974. Zunächst wollten sich die früheren Kicker mit ihren Frauen am Freitag im Gasthaus und Hotel "Lindenweiler" bei Ex-Präsident Eckardt Meyer einquartieren und den denkwürdigen Triumph von vor 46 Jahren feuchtfröhlich feiern.

Tags darauf war dann eine Floßfahrt im Erlebnisdorf Elbe Parey geplant. Martin Hoffmann, mit heute 65 Jahren Jungspund der Siegermannschaft, und Wolfgang Seguin (74), am 8. Mai 1974 in Rotterdam Torschütze zum 2:0-Endstand gegen den favorisierten AC Mailand, hatten alles monatelang geplant. Nun müssen sie ihren mittlerweile im gesamten Bundesgebiet verstreuten damaligen Mitspielern absagen.

Selbst ein US-Schulbus war gebucht

Hoffmann, der 2004 die Tradition der jährlichen Mannschaftstreffen mit einem Spiel im damaligen Grubestadion einleitete, trug in diesem Jahr die Hauptlast der Organisation. Selbst der gelbe US-amerikanische Schulbus für die Fahrt von Magdeburg nach Parey war längst gebucht. Nun sitzen der frühere Linksaußen und „Paule“ Seguin am Telefon und beratschlagen sich mit ihren Mannschaftskollegen über die weitere Vorgehensweise.

Seguin, neben Kapitän Manfred Zapf (73), Torwart Uli Schulze (72) und Sturm-Ass Jürgen Sparwasser (71) der Oldie des verbliebenen Erfolgs-teams, wird nun infolge der Corona-Krise allein mit der Familie in Stendal den damaligen Triumph feiern. Nur einmal ist das Treffen, das in den vergangenen Jahren reihum bei den Mitspielern stattfand, ausgefallen. Im Jahr 2016 war nur wenige Tage zuvor Axel Tylls Gattin Karin verstorben. Nun also die coronabedingte Zwangspause.

„Das hätte so schön werden können. Nun werde ich wohl in meiner Kellerbar sitzen, allein ein paar Bier trinken und in Erinnerungen schwelgen“, sagt FCM-Idol Wolfgang „Paule” Seguin. „Noch schlimmer ist allerdings, dass wir auch die am 6. Juni im Schlosshotel Storkau geplante Hochzeit von Paul absagen mussten.“

Paul (25), ehemaliger U-21-Nationalspieler und aktuell für Zweitligist SpVgg Greuther Fürth am Ball, ist der jüngste der fünf Seguin-Söhne. Weiterhin gehören Norman und Maik, die mittlerweile das väterliche Reinigungsunternehmen in Magdeburg führen, sowie Marcel, Timmy und Gattin Kerstin zur Familie. Das Familienoberhaupt hofft, nicht nur das traditionelle Mannschaftstreffen und die Hochzeit seines Jüngsten bald nachzuholen, sondern auch seinen im September anstehenden 75. Geburtstag wieder unter halbwegs normalen Bedingungen und ohne Kontaktbeschränkungen feiern zu können.

„Eigentlich feiere ich ja nur meine runden Geburtstage etwas größer und freue mich jetzt schon auf den 80., aber der eine oder andere Kumpel wird sicherlich auch zum halbrunden Jubiläum vorbeikommen“, hofft Wolfgang Seguin auf eine baldige Rückkehr zur Normalität.

Seguin vermisst Treffen mit Skatbruder Zapf

Vor allem auf ein Wiedersehen mit seinem Freund und Skatbruder Manfred Zapf würde er sich freuen. Mit ihm spielte Seguin 15 Jahre gemeinsam beim FCM sowie dessen Vorgänger SC Aufbau und SCM, ehe er nach dem Karriereende von Kapitän Zapf zwei Jahre später, 1981, selbst nach 403 Meisterschafts- und 57 Europapokalspielen (allesamt FCM-Rekordwerte) zurücktrat.

„Zappel“ war es auch, der 1979 dafür sorgte, dass Rekordmann Seguin am 19. September mit zum Europapokalspiel beim walisischen Vertreter FC Wrexham durfte. Denn fünf Tage zuvor, an seinem 34. Geburtstag, wurde Laufwunder Seguin von seiner damaligen Frau Hannelore geschieden. Und da wurde damals die Stasi hellhörig. Manfred Zapf bürgte für seinen besten Freund, zumal der fünf Monate zuvor den 1:0-Siegtreffer im Pokalfinale gegen den BFC Dynamo köpfte und so erst für die Teilnahme am Europapokalwettbewerb sorgte. Die Reise endete allerdings schon eine Runde später im Achtelfinale mit dem 2:2 gegen Arsenal London im Germerstadion.

Auch wenn „Paule“ Seguin in letzter Zeit seltener in der MDCC-Arena ist („In der aktuellen Saison habe ich nur zwei Spiele gesehen“), im Herzen war und ist er ein Blau-Weißer. Er ist seit Jahren Kapitän der FCM-Traditionself und immer noch sauer, wenn er vorzeitig vom Feld muss, um Jüngeren Platz zu machen. Und er macht sich natürlich so seine Gedanken um das aktuelle Geschehen beim Club. „Sportlich kann man derzeit natürlich überhaupt nicht zufrieden sein. Das hat aber Gründe“, sagt er. „Man kann nach dem letzten Saisonspiel nicht zwölf Mann verabschieden, und im Sommer dann noch mal drei. Da fehlt mir das richtige Konzept. Ich denke, ein Saisonabbruch wäre nicht schlecht, sonst steigen sie noch ab. Sie können beim Club froh sein, dass es so viele treue Fans gibt.”

"Ticket" für fiktive Reise gekauft

Darum war es für Seguin auch eine Selbstverständlichkeit, die Spendenaktion der aktiven Fanszene und des Fanrats („Alle auf nach Rotterdam“) zu unterstützen: „Natürlich habe ich auch eine Karte für die fiktive Reise zum Finale gekauft. Und 1000 Stück handsigniert. Allerdings weiß ich nicht, warum auf der Rückseite.”